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30.08.2015

Guter Geschmack zum Kaufen

Auch Andreas Weidlich hat auf externe Geldgeber verzichtet. Der Berliner hat ebenfalls BWL studiert, als Unternehmensberater gearbeitet und vor acht Jahren dann doch seiner Leidenschaft für schöne Kleidung, Stil, Etikette und Details nachgegeben.

Schon als junger Mann habe es ihn "angefasst", neben schlecht oder nachlässig gekleideten Vorgesetzten im Aufzug zu stehen. Andrews & Martin hat Weidlich sein Unternehmen genannt. Seine Kunden können sich unter anderem Anzüge, Hemden, Kleider und Jeans auf den Leib schneidern lassen. Am großen Tisch in Weidlichs Wilmersdorfer Atelier nehmen Frauen und Männer mit oder ohne ein besonderes Modegespür Platz, darunter Politiker und Firmenchefs.

Kein Zurechtzuppeln der Hose mehr

Wie Vertragspartner sitzen sich die Kunden und Weidlich dort gegenüber, eine Situation, die auch den skeptischsten Besuchern vertraut sein dürfte. Weidlich lässt die Kunden erzählen, er fragt, zu welchem Anlass das neue Kleidungsstück getragen werden soll, redet über Stoffe und Schnitte. In diesen Gesprächen gehe es bei Weitem nicht immer nur um Kleidung, sondern darum, sich in seiner Haut wohlzufühlen. Weidlich steht auf und setzt zu einer Art Choreographie des Unbehagens an: Wer bei ihm einkaufe, könne sich das Zurechtzuppeln der Hose und des Hemdes sparen, weil alles perfekt sitze, der Hosenbund nicht zu tief hänge, die Beine lang genug seien und das Jackett nicht abstehe.

Manche reisen extra aus anderen Städten an

Weidlich flüstert, wenn er beschreibt, wie ein Kunde beginnt, sich für die hochwertigen Stoffe, Materialien und Schnitte zu begeistern. Einen Anzug gibt es bei ihm ab 799 Euro. Mittlerweile hat der 52-Jährige um die 1000 Stammkunden. Und gibt außerdem Kurse rund um Fragen zum guten Stil. "Den Deutschen wird das Gefühl dafür überwiegend nicht in die Wiege gelegt", sagt er. Auch wenn es regionale Unterschiede gebe und die Situation etwa in Düsseldorf, Hamburg oder München deutlich besser sei. Unter seinen Kunden sind auch einige gebürtige Berliner, doch die meisten Menschen, die bei ihm einkaufen, seien vor fünf, zehn oder 20 Jahren hierher gezogen. Und manche Käufer reisen sogar extra für ihn an.

Tagesspiegel, Reihe „Köpfe“, 2015