Sie befinden sich hier: Start / A&M Aktuell / Es geht um Knopf und Kragen 
21.07.2009

Es geht um Knopf und Kragen

Für Andreas M. Weidlich ist Mode nichts Oberflächliches oder Überflüssiges. Dem Chaos, das oft in der Mode herrscht, setzt er klassische Linien entgegen. Und einen wohl geordneten, gut sortierten Showroom.

„Der Geschäftsführer der Edeltuchmarke Scabal, die für eine der größten Webereien der Welt steht und Stoffe an Armani und Brioni liefert, sagt, dies sei einer der wirklich schönen Showrooms in Deutschland“, freut sich Weidlich. Diskret über den Hofeingang von der Uhlandstraße aus zu erreichen, begrüßt der Berliner viele prominente Kunden, die Maßanzüge bei ihm ordern.

Die moderne Mode hat nach seiner Beobachtung indes kein sonderlich hohes Beratungsniveau hervorgebracht. „Wenn Kunden kommen und berichten, sie hätten in London einen Anzug für 4000 Euro gekauft, doch bei mir säßen die Anzüge sehr viel besser – dann bin ich auf dem richtigen Weg.“ 2008 nahm er an der Verlosungsaktion der Tagesspiegels teil und konnte gleich einen leibhaftigen Bahn-Vorstand bei sich begrüßen, der in „seinen“ Anzug schließlich noch einmal 500 Euro mehr investierte als zunächst geplant. Auch andere Vorstände – etwa von der Deutschen Bank – schätzen mit ihren Fahrern den Parkplatz direkt vor dem Atelier.

Da der Preis eines Anzuges für die meisten Männer die höchste Einzelausgabe für Bekleidung darstellt, empfiehlt es sich, einen solchen Kauf sorgsam vorzubereiten und sich dabei von einem Profi beraten zu lassen. Von einem Profi, der stilsicher zwischen modischer Klassik und vergänglicher Eleganz zu unterscheiden weiß. Auf die eigenen Fähigkeiten, den besten Anzug auszuwählen, sollte man sich dabei nicht unbedingt allein verlassen. Zumal es nicht nur zu bedenken gilt, wie die guten Stücke passen, sondern auch, ob sie für den entsprechenden Anlass auch geeignet sind: Andreas M. Weidlich kennt sich auch auf diesem Parkett aus.

Dem 45-Jährigen sind alle Abwege im Irrgarten des guten Geschmacks geläufig. Beim Hemdenkauf sollte das Augenmerk vor allem auf dem Kragen liegen, rät er und bietet eine Vielzahl von Varianten an. „Ab 100 Euro bekommen die Kunden bei mir gute Hemden, einen schönen Anzug ab 550 Euro und handgefertigte, rahmengenähte Maßschuhe ab 490 Euro“, umschreibt Weidlich sein Angebot. „Wir können arbeiten bis hin zum komplett Handgefertigten. Ich möchte keine Kunden hinausschicken, weil ich einen Wunsch nicht erfüllen kann.“ Ein Frack in zehn Tagen ist noch machbar: Weidlich produziert in Deutschland und schickt die Stoffe nicht zur Fertigung in Billiglohnländer.

Für die Hemden hält er 600 Stoffe und 80 Kragenformen bereit. Die Auswahl an Anzugstoffen ist ungleich größer. Damit ist die Palette seines Unternehmens aber noch nicht annähernd abgerundet. Er produziert auch Anzüge mit Stoffen, die der Kunde mitbringt. Und er lässt auch für Frauen schneidern. „Maßgeschneiderte Lösungen und Produkte“ – diesen Begriff lebt Weidlich in und mit seinem Atelier umfassend aus und nutzt ihn zur Werbung für die gute Sache. Bankhäuser wie zum Beispiel Merck Finck & Co. haben hier schon Präsentationen ihrer Angebote veranstaltet. Weidlich steht auch für Stilseminare zur Verfügung. „Wann ziehe ich eine Weste an, welche Farben gehen gar nicht und warum heißt es no brown in town?“

Weidlich betrachtet sein Geschäft nicht als „Job“. Passion und Profession sind bei ihm eins geworden. Es gibt hier keine 3-D-Körperscanner, denn – so hat er gelernt: „Die Menschen möchten ‚besprochen‘ werden.“ Und es sind nicht nur die Vorstände großer Unternehmen, die bei Weidlich vorstellig werden. „Der älteste Kunde war 85 Jahre alt und wollte einmal im Leben noch etwas Passendes anziehen. Aber es kommen auch viele junge Leute aus der ITBranche, die sehen, dass sie ohne Anzug keinen Auftrag bekommen.“ Oder Hochzeitspaare, oder junge Männer, die sich auf ein Bewerbungsgespräch vorbereiten. Sie alle eint der Wunsch nach etwas Passendem. Andreas M. Weidlich erfüllt diese Wünsche – wie ein Gentleman.

Erschienen in Berlin Maximal, dem Wirtschaftsmagazin des Verlages Der Tagesspiegel, 04/2009