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22.11.2011

Auf Tuchfühlung im „Andrews & Martin"

Artikel über ANDREWS & MARTIN und Andreas M. Weidlich in der Berliner Morgenpost und DIE WELT

Andreas Weidlich liebt edle Stoffe und britische Eleganz. Sein Geschäft „Andrews & Martin“ liefert maßgeschneiderte Hemden und Anzüge für weltgewandte Gentlemen
Der Teufel lauert, wie jeder weiß, im Detail. Bei einem Herrenanzug sind es die Knöpfe eines Sakkoärmels. Stehen sie nutzlos nebeneinander, wissen Eingeweihte: Das kommt von der Stange. Stecken sie jedoch in glänzend gesäumten Knopflöchern, ist klar, dass ein Maßschneider am Werk war.

„Dies stammt aus Zeiten, in denen vor allem Könige und Adelige Anzüge trugen. Damals durfte man seine Jacke nicht einfach ablegen. Wenn es zu warm war oder wenn man mehr Bewegungsspielraum brauchte, krempelte man die Ärmel einfach hoch“, sagt Andreas Weidlich, Inhaber des Ateliers „Andrews & Martin“. Dann öffnet er die Knopfleiste seines Ärmels und schlägt ihn um. Ein seltsamer Anblick, dachte man doch bislang, dass es technisch und gesellschaftlich schlicht unmöglich sei, Anzüge hochzukrempeln.

Schimmerndes Pastell

Der Showroom von „Andrews & Martin“ verbreitet gediegenes britisches Flair. Ein halbes Dutzend Schneiderpuppen zeigen, wie sich ein Gentleman zu kleiden hat. Jacken und Hosen sind in gedeckten Grau- oder Brauntönen gehalten, die Hemden dazu schimmern in Pastell. Allein Krawatten und Einstecktücher dürfen auch mal knallig rot oder blau sein.

„Ich sehe meine Arbeit in der Tradition der Maßschneider der Savile Row“, sagt Andreas Weidlich. Londons Straße gilt als „Goldene Meile des Schneiderns“. In den alten Handwerksbetrieben nehmen die Maßschneider bei ihren Kunden, zu denen auch Prince Charles gehört, 27 verschiedene Maße und fertigen daraus ein individuelles Schnittmuster. Das Ergebnis sind, drei Anproben und viele Arbeitsstunden später, perfekt sitzende Anzüge, die nie unschöne Falten werfen.

„Andrews & Martin“ ist nicht ganz so britisch und traditionsverhaftet, wie Name und Logo suggerieren. Der Firmenname ist eine anglophile Wortspielerei aus den beiden Vornamen des Ladeninhabers, die Zahl „1963“ im Logo ist sein Geburtsjahr. Das Maßband ist zwar Andreas Weidlichs wichtigstes Utensil, Schneiderschere und Stoffbahnen aber sind nur Requisite. Denn sämtliche Maße werden einer Manufaktur in Süddeutschland übermittelt, die Anzüge, Hemden und Kostüme fertigt. Ein handgenähter Maßanzug aus der Savile Row ist nicht unter 3000 Euro zu haben. Bei „Andrews & Martin“ kosten Anzüge ab 550 Euro aufwärts.

Andreas Weidlich machte sich vor vier Jahren selbstständig. Mit Kleidung, besser gesagt, hochwertiger und angemessener Kleidung, hatte er sich allerdings schon sein ganzes Leben beschäftigt. Sein Vater war gelernter Weber, der später in der Kunststoffindustrie arbeitete. „Auch wenn er beruflich nichts mit Textilien zu tun hatte, vermittelte mein Vater mir immer ein Gefühl dafür, was es bedeutet, korrekt gekleidet zu sein“, sagt Andreas Weidlich, der in Frohnau aufwuchs.

Während einer Lehre als Industriekaufmann machte er die Erfahrung, „dass es Spaß machen kann einen Anzug zu tragen, wenn er passt.“ Nach dem BWL-Studium gründete Andreas Weidlich ein Personalentwicklungsunternehmen für Führungskräfte. Die Firma florierte. Vor fünf Jahren verkaufte Andreas Weidlich seine Anteile. „Und plötzlich hatte ich die Hände frei, um etwas zu machen, was mich interessiert und fasziniert.“ Da ihm das handwerkliche Know-how zunächst fehlte, absolvierte er diverse Kurse, bei denen er in die Geheimnisse der Maßkonfektion eingeführt wurde. Kommt zum Beispiel ein Mann mit einem ganz markanten Gang in den Laden, weiß Weidlich, dass bei der Anfertigung „Code 108“ angewendet werden muss. „Nach hinten gedrücktes Gesäß“ heißt das Problem. Die Lösung besteht darin, dass das Rückenteil exakt 1,6 Zentimeter kürzer als üblich sein muss. Die meisten Kunden gehen zum Schneider, weil sie es müssen. Nicht weil sie es wollen. Zu dicker Bauch, zu breite Schultern, zu langer Hals. Die Liste der Problemfiguren ist lang.

Lieber ungesehen bleiben

Das Atelier ist kein Ort zum Stöbern oder für Laufkundschaft. „Die Kunden wollen bei der Anprobe nicht von der Straße aus gesehen werden “, erklärt Andreas Weidlich die versteckte Lage. Die meisten kommen angemeldet und werden von ihm mit Handschlag begrüßt. Der etwa 100 Quadratmeter große Raum beherbergt mehrere Sitzecken mit Tischen, auf denen Lederbände mit insgesamt 10.000 Stoffproben ausgebreitet werden. Wer dachte, dass Nadelstreifenmuster alle irgendwie gleich aussehen, wird eines besseren belehrt. Es gibt klassische Muster mit zarten silbrigen Streifen und andere, bei denen dickere blaue Streifen doppelt so weit auseinander stehen. Nachdem man unzählige von Stoffen in Grau-, Schwarz- und Anthrazit-Schattierungen gesehen hat, wirkt das schwarz-blaue Nadelstreifenmuster geradezu schrill.

Ist der richtige Stoff gefunden, muss eine schier endlose Liste von Details erörtert werden. Welche Farbe soll das Futter haben? Soll das Revers im Nacken farbig unterlegt werden? Welche Knöpfe passen? Schon diejenigen, die sich ein Hemd auf den Leib schneidern lassen wollen, dürfen unter 100 verschiedenen Kragenformen wählen. „Männer mit einem breiten, runden Gesicht sollten keine Kragen tragen, deren Schenkel weit auseinander stehen. Das verkürzt den Hals zusätzlich und lässt den Herren gedrungener aussehen“, sagt Andreas Weidlich.

Manchmal sitzt ihm während der Beratung ein Mann gegenüber, der die Beine übereinander schlägt und dabei ein Stück behaarte Haut zeigt. „Das geht gar nicht“, findet der Ladeninhaber. In solchen Fällen bietet er Kunden ein paar dezente schwarze Kniestrümpfe in Einheitsgröße zum Kauf an. Es sind die einzigen Kleidungsstücke, mit denen Andreas Weidlich in Stilfragen Sofort-Hilfe leistet.

Quelle: Berliner Morgenpost/Die Welt, Autorin: Kirsten Schiekiera